Zur Entstehung von „Musik für autistische Kinder”

Alle auf dieser CD versammelten Stücke sind aus längeren Improvisationen am Klavier entstanden, ohne den Gedanken an ein bestimmtes Thema. Diese Kompositionen „Musik für autistische Kinder” zu nennen, entsprang einem spontanen Einfall, den ich erst im Nachhinein verstanden habe. Beim Anhören der Stücke hatte ich immer mehr den Eindruck, bestimmte Motive wiederzuerkennen, die aus den Erzählungen über Autisten bekannt sind: Wiederholungen, Stereotypien, das Beharren auf einer bestimmten Idee oder ihr fluchtartiges Aufgeben, Ausdruck von Erschrecken, Panik, Aufschwünge und Abstürze, unendliche Mühsal, Hilflosigkeit, Atemlosigkeit, Verzweiflung, Rettung im Einfachen, Einfachsten, erschöpftes Zur-Ruhe-Kommen. Warum ich an autistische Kinder bei meinen Stücken gedacht habe, kann ich mir vielleicht aus dem Wunsch erklären, jenseits von Mitleid, auch jenseits von einer Empathie, die mir anmaßend vorkäme, etwas zu schaffen, was der Isolation und Würde dieser Kinder entspricht - eine Art Annäherung an die Welt der Autisten, vermittelt durch die Erfahrung der Isolation, die so manches gesunde, aufgeweckte Kind früher oder später innerhalb der normalen Erwachsenenwelt macht.

Wolfgang Baur, September 2006