Ein Irrtum

    Ja freilich. Wir sind doch damals fast gleichzeitig in Griechenland
    gewesen, auf dieser Insel, deren Name mir im Moment entfallen ist.
    Die Großtante seiner Frau mütterlicherseits war eine Cousine meines
    Rechtsanwalts. Er hat mich zu seiner Silberhochzeit eingeladen, wo 
    ich dann leider nicht kommen konnte, weil unser jüngster Sohn an den
    Masern erkrankt war, aber später hat er mich immer wieder angerufen,
    vor allem, seit er halbseitig gelähmt war - ach so, er war nicht
    halbseitig gelähmt - also dann war er es nicht - aber ich hätte
    schwören können - also gut - dann eben nicht.

   Der Zweifel

     Ein einziges Mal in meinem Leben bin ich ihm begegnet, bei einer
    Einladung, er ist mir dadurch aufgefallen, daß er ziemlich teilnahmslos
    herumstand, in der rechten Hand hielt er sein Weinglas. Später erst
    hat man mir erzählt, daß er es war. Und noch viel später habe ich
    erfahren, daß es sich um eine Verwechslung gehandelt hat, wahrscheinlich
    jedenfalls. Es hieß, zu jener Zeit hätte ihn die Arbeit so in Anspruch
    genommen, daß er monatelang nicht dazu gekommen ist, das Haus zu
    verlassen. Nachdem er sein Glas ausgetrunken hatte, schlenderte er 
    zum kalten Büfett und holte sich ein mit Käse und Oliven belegtes
    Brötchen und aß es langsam, während er zu den anderen Gästen sah -
    falls er es wirklich war, was ja, wie eben erwähnt, bezweifelt wird.
    Er ging dann zu einem der Tische, wo die Tabletts mit den gefüllten
    Weingläsern standen, und nahm sich ein neues Glas. Er schien unglücklich
    zu sein, ganz offensichtlich fühlte er sich nicht wohl. Die vielen
    Menschen um ihn herum irritierten ihn anscheinend, ich fragte mich nur,
    warum er überhaupt gekommen war. Das ist alles, was ich von ihm weiß - 
    falls er es überhaupt war. Woraus sich die Schlußfolgerung ergibt: 
    war er es nicht, weiß ich nichts von ihm.

    Das Paradox

     Man hat mir viel von ihm erzählt. Seine Angst vor dem Wasser z.B. war
    geradezu sprichwörtlich. Schon als Kind soll er sich mit Händen und
    Füßen gewehrt haben, wenn man ihm das Schwimmen beibringen wollte.
    Vater und Mutter versuchten es mit Güte und Strenge, es half alles
    nichts.
    Ein ausgezeichneter Schwimmer?
    Der noch mit achtundvierzig Jahren den Ärmelkanal in Rekordzeit
    überquerte?
    Das ist mir neu.


Diese Textprobe ist entnommen aus:

Wolfgang Baur:

Die entfernten Bekannten

195 Statements

Taschenbuch

210 Seiten, 9.- €

ISBN 3-88410-070-X


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