Autobiographisches
Mutter zog mit mir nach München. Vater war weg. Nach einiger Zeit kam er ab und zu. Es gab dann immer Streit. Die neue Umgebung gefiel mir gar nicht. Hohe Häuser, unbe- kannte Menschen, Kinder in der Klasse, die mich auslachten, eine Lehrerin, die mich auch noch auslachte. Oh Gott, ist das Kind sein? Einmal sagte ich einem Mädchenin der Klasse: "Ich glaube, das ist eine Stief- mutter, die haut mich immer." Was half das Reden, es änderte sich nichts. Alle paar Monate kam eine Fürsorgerin ins Haus und fragte mich vor der prügelnden Mutter, ob es mir gut ginge! Was sollte ich denn sagen? Die Angst vor neuen Schlägen war noch größer als die Sehnsucht, einmal keine Prügel mehr zu bekommen. Also ich schwieg. Mutter hatte sich einen neuen Satz zugelegt: "Geh mir aus den Augen!" Es wurde mein Lieblingssatz, nichts befolgte ich so wie diesen Satz. Ich ging ihr bei jeder Gelegen- heit aus den Augen. Schule, Hausaufgaben und weg war ich den ganzen Nachmittag. In den Ferien konnte ich an den Ausflügen des Stadtjugendamtes teilnehmen. Hier erfuhr ich, daß andere Menschen netter zu mir waren als die Mutter. Ich erschwindelte mir für jeden Tag eine Karte, um ja weg zu sein. Einmal ging so ein Ausflug in die Berge. Es war die Bodenschneid in Spitzing. Ich sah das erste Mal Berge in meinem Leben. Es war ein wunderbares Erlebnis, oben auf einem Berg zu stehen. Diesen Ausflug ver- gesse ich nie. Er war der Grundstein meines späteren Hobbys, meiner Leidenschaft. Damals spürte ich eine innere Ruhe, als ich oben die Wolken und den Himmel sah. Und die Mutter war nicht da. Sie saß unten und ich oben. Damals fing ich an, Einsamkeit zu suchen.
Diese Textprobe ist entnommen aus:
50 Seiten, 6.- €
ISBN 3-88410-036-X
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