ORPHEUSMELODIE

Sophokles:
Chorlied aus "Antigone": Der Mensch

Vieles Erstaunliche gibt es, doch
Kein Ding so groß wie der Mensch!
Land sucht er jenseits des Meeres
Stürmischer Süd schafft schäumende
Rings um ihn steigende Wogen,
So bricht der Mensch seine Bahn.

Ewige Erde in dich, höchste
Gottheit und unerschöpflich,
Greift er ein mit der Pflugschar
Furche um Furche im Wenden
Jahr um Jahr dich zerwühlend
Pflügend mit seinem Gespann.

Künstlich gesponnene Netze zum
Fangen der munteren Vogelschar
Fertigt der Mann der geschickte.
Vielerlei Wild in den Bergen
Weiß er zu jagen, zu fischen das
Bunte Meeresgetier.

Ländliche Höfe umhegen
Tiere gehorsam dem Menschen.
Nackenumschließendes Joch und Ge-
Schirr legt er Zugtieren an, dem
Bergpferd mit zottiger Mähne, dem
Wilden kraftvollen Stier.

Sprache hat er entwickelt und
Windschnelles richtiges Denken.
Staaten strebt er zu ordnen.
Unwirtlich Leben im Freien
Kälte und Regengüssen
Wußte zu fliehen der Mann.

Überall weiß er Rat in
Allem was auf ihn zukommt.
Einzig gegen den Tod
Ist ihm kein Mittel vorhanden.
Unheilbar scheinende Leiden
Glücklich er heilen kann.

Klug und erfinderisch schafft er
Kunstvolle Dinge unglaublich,
Böses zuweilen und Edles.
Hält er des Landes Gesetze,
Recht von den Göttern beschworen,
Dann steht hoch er im Rang.

Heimatlos irrt wer dem Bösen
Zugesellt frevelnden Sinnes.
Mir werde Zeit meines Lebens wer
so sich verhält nicht zum Freunde
Weilend am häuslichen Herde,
Fühlend im gleichen Klang.


Diese Textprobe ist entnommen aus:

Christian Greiff:

Orpheusmelodie

Griechische Lyrik aus drei Jahrtausenden, zweisprachig

Mit zahlreichen Farb-Abbildungen

288 Seiten, 19.- €

ISBN 3-88410-071-8


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